Wer bin ich eigentlich, und wo, und wieviele? Authentizität…

Wir füllen immer verschiedene Rollen aus. Auf der Arbeit verhalten wir uns anders, wenn wir dem Chef gegenüber auftreten müssen, wenn wir mit Kollegen im gleichen Rang reden können, oder wenn wir mit Untergebenen reden, denen wir weisungsbefugt sind. Wenn wir dann zu Hause sind bei unserer Familie, reden wir wieder anders. Unserer Partnerin gegenüber sind wir liebevoller und erklären umfangreicher, den Kindern gegenüber sind wir auf eine andere Art liebevoll und auch strenger, oder ganz im Gegenteil sehr viel nachsichtiger. Dann haben wir Freunde, die wir unterschiedlich an uns heran lassen oder sie in gewissen Bereichen auf Distanz halten, und dann gibt es da noch die alltäglichen Begegnungen mit Personen, die wir nicht kennen oder auch Autoritätspersonen, mit denen wir eventuell Probleme kriegen können.

Fast jeder hat in solchen Begegnungen eine andere Art, wie er mit der jeweiligen Person umgeht. Manchmal würden wir uns gerne anders verhalten, aber dann gibt es Ermahnungen bei uns im Kopf, die uns über political correctness belehren - wir dürfen nicht sagen, was wir eigentlich denken... wir müssen alles immer freundlich formulieren und dürfen keinem auf die Füße treten... wir dürfen die Gefühle des anderen nicht verletzen... wenn ich meinem Gegenüber sage, was ich genau denke, mag er mich nicht mehr, und so weiter. Das ist die berühmte "Schere im Kopf". Unser innerer Zensor, welcher uns daran hindert, authentisch "wir selbst" zu sein.

Authentisch …… Authentizität ……. was bedeutet das eigentlich?

Grundlegend ist man authentisch, wenn man sagt, was man denkt, und man tut, was man sagt. So simpel ist das. Leider leben wir in einer Zeit, wo immer weniger Leute es wertschätzen können, wenn man ihnen 100 % authentisch gegenübersteht und eben nicht jedes Wort in Watte packt, sondern gerade heraus sagt, was man tatsächlich denkt, fühlt, und empfindet. Auf der anderen Seite haben wir auch entweder verlernt, oder es nie wirklich gelernt, authentisch aufzutreten ohne Repressalien zu erfahren. Die Gesellschaft wird im Allgemeinen immer entweder empfindlicher oder verrohter. Die Kunst liegt also darin, authentisch man selber zu sein, ohne den anderen absichtlich oder übermäßig zu verletzen. Grundlage dafür ist zuallererst eine gründliche Eigenreflektion über die eigenen Stärken und Schwächen und über seine eigene Position im "Leben" im Großen und Ganzen. Dazu ein einfaches Beispiel: Eine gute Freundin fragt mich "Findest du mich schick?" und dreht sich einmal im Kreis vor mir, um ihre neue Kleidung zu präsentieren. Da mein eigener Geschmack allerdings niemals modisch war; es vermutlich auch nie sein wird, und mein Standard-Outfit in der Regel schwarz mit Schattierungen von schwarz ist, bin ich da definitiv der falsche Antwortgeber. Dennoch, die Frage ist gestellt, und es wird eine Antwort erwartet. Also kann ich es für mich selber ganz kurz prüfen, wie ich es finde, und stelle fest - für mich sieht es furchtbar aus! Dann habe ich zwei Möglichkeiten: Ich kann entweder sagen, entgegen meiner Meinung: "Du siehst toll aus", bloß damit sie sich hoffentlich gut fühlt, oder ich kann meiner eigenen nicht so zustimmenden Meinung Ausdruck geben. Variante 2 wäre die authentische Variante. Sie drückt aus, was ich tatsächlich empfinde, und danach wurde ich gefragt. Hier habe ich jetzt viele Möglichkeiten, wie ich meine Meinung kund tun kann. z.B. indem ich sage: "Im Leben nicht, das ist voll scheiße!", oder ich kann sagen: "Wenn es dir gefällt, ist es genau das Richtige. Wer mich kennt, weiß, dass das überhaupt nichts für mich ist." In beiden Varianten habe ich kundgetan, dass mir persönlich das Outfit nicht gefällt. Bei der ersten Aussage ist es aber nur ein relativ krasses Ablehnen ihres Outfits, was sie möglicherweise schmerzhaft treffen könnte (was ich ja nicht beabsichtige), während ich in der zweiten Aussage zwar die gleiche Meinung bekannt gebe, aber mit dem klaren Hinweis, dass es sich dabei um meine persönliche Meinung handelt und es nicht bedeutet, dass es für alle so sein muss. Beides ist also eine authentische Antwort auf ihre Frage, nur eben in der Unterscheidung nach verletzend und herabwürdigend oder neutral, auf mich bezogen, meine Meinung.

Menschen spüren häufig, ob wir authentisch sind oder nicht. Insofern vergleiche ich es gerne mit einem "Kern", welcher 100% authentisch ist - wie bei einem perfekten Juwel, wo das Zentrum absolut rein und klar ist, keine Eintrübungen hat und es keine Falschheit gibt. Unddann sind da noch die Facetten des Juwels. Je nachdem, wie das Juwel geschliffen ist, gibt es eine andere Lichtbrechung und eine entsprechend andere Sicht auf den Kern, die Essenz des Juwels. Insofern kann ich immer ich selber sein, und völlig authentisch oder, um ein altes Wort zu benutzen "wahrhaftig", weil dies der Kern meines Seins ist. Gleichwohl kann ich in verschiedenen Zusammenkünften, mit Kollegen, Vorgesetzten, unbekannten Personen, und so weiter, immer eine andere Facette nach vorne drehen, welche in der jeweiligen Situation angebracht ist. Ganz egal, wie das Äußere Verhalten entsprechend der jeweiligen Personen dann ist - der Kern, der durch jede Facette nach vorne strahlt, ist immer derselbe authentische Kern und nicht von Mal zu Mal unterschiedlich. Das ist etwas anderes im Vergleich zu verschiedenen Masken anziehen. Wenn ich eine Maske anziehe, dann schauspielere ich. Dann kann ich z.B. auch als völlig freundlicher liebevoller Mensch/ Schauspieler die Rolle eines psychopathischen Killers spielen, z.B. Anthony Hopkins als Hannibal Lecter. Dies ist eine Maske, die nichts mit der eigentlichen Person zu tun hat. Das ist die Rolle eines Schauspielers. Wenn man in seinem Leben für die vielen verschiedenen Situationen immer Masken aufzieht, dann ist man nicht authentisch. Mit der Zeit merken die Leute, wenn sie verschiedene Masken von jemandem kennenlernen, dass da etwas schwammig und nicht kongruent ist, etwas nicht zusammenpasst. Insofern ist es immer hilfreich, seinen eigenen Geist und seine eigenen Werte zu ergründen, um festzustellen, was für einen selber wirklich wichtige Werte sind, und diese entsprechend auch immer zu vertreten - eben in Form von Facetten eines Juwels mit der gleichen Basis, und nicht als Masken von völlig anderen Persönlichkeiten, die man sich irgendwann nach Bedarf überzieht.

Wenn man Masken überzieht, stellt man sich wirklich irgendwann die Frage, wer bin ich, wo bin ich, und wieviele. Man bekommt für sich selber nie wirklich ein Gefühl dafür, wer man ist - oder eben nicht ist. Weiterhin kosten Masken auf Dauer viel Energie, um diese aufrecht zu erhalten, und letztlich fühlt man sich damit immer unwohler und lebt im schlimmsten Falle ein Leben, das dem eigenen Selbst nicht wirklich entspricht

Hat man einmal sein eigenes Wertesystem gefunden, oder es aktualisiert, und lässt dies in allen Handlungen und Interaktionen durchscheinen, nur eben durch andere Facetten, dann ist man immer eins, hier und jetzt mit sich selbst.

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